Der vierte Band schließt sich nahtlos an das letzte Kapitel von Band 3 an und wurde daher allerhöchstwahrscheinlich gleich im Anschluß verfaßt.
Im Hause Braun hat die Großmutter die Stelle der Eltern eingenommen: der Vater ist als Lazarettarzt in den Krieg gezogen, die Mutter hatte bei Kriegsausbruch gerade Verwandte in England besucht und kann aufgrund der Ausreisesperre nicht nach Deutschland zurückkehren.
In den Straßen Berlins marschieren täglich Soldaten, die mit Zügen zum Einsatz gefahren werden, Extrablätter verkünden zu Anfang nur Siege der Deutschen. Alle Leute scheinen von einer wirren Kriegsbegeisterung ergriffen zu sein, die das ganze Denken dieser Tage beherrscht. Die Großmutter und die Brüder sind erbost über die Engländer, nicht nur weil die Mutter in England festgehalten wird, sondern auch, weil sich das Land nicht auf die Seite Deutschlands gestellt hat. Gehaßt werden auch die Franzosen, Russen und Japaner.
Annemarie selbst ist schnell angesteckt von diesem allgemeinen Chauvinismus. Mit ihrem Wunsch, eine gute Patriotin zu sein, verfällt sie wiederholt ins Maßlose. Dies wird noch verstärkt, als die Mutter aufgrund einer unvorsichtigen Äußerung in England inhaftiert wird. Mitunter holen Annemarie die Umstände oder klardenkende Menschen zurück in die nüchterne Realität. Der geschmähte "japanische" Nachbar stellt sich als Thailänder heraus. Als Annemarie den Französischunterricht verweigern will - sie sei zu vaterlandsliebend, um noch Fremdsprachen zu lernen - erteilt ihr der Lehrer eine Lektion im Weiterdenken: der Krieg wird nicht ewig dauern, er ist ein Ausnahmezustand, der Normalzustand ist Frieden und Handel zwischen den Ländern.
Von zwei älteren Mädchen angestachelt, schikaniert Annemarie monatelang eine neue Mitschülerin aus der Bukowina - Vera, die als die "Polnische", "Spionin" und sogar "Feindin" beschimpft wird. Annemarie mißbraucht ihr hohes Prestige in der Klasse dazu, die anderen ebenfalls gegen Vera aufzuhetzen. Das verschüchterte Mädchen spricht nur schlecht Deutsch, darum kann sie sich nicht erklären, was die Mitschülerinnen gegen sie haben. Die Schikane geht so weit, daß einige Mädchen Bedenken äußern, sich aber nicht trauen, gegen die dominante Annemarie vorzugehen. Allerdings wird auch Annemarie mitunter von Gewissensbissen befallen. Schließlich stellt sich eines Tages heraus, daß Veras Vater auf deutscher Seite als Soldat kämpfte und gefallen ist. Jetzt schämt sich Annemarie für ihre Gemeinheiten und entschuldigt sich bei Vera. Die beiden werden gute Freundinnen.Zwischenzeitlich bringt Bruder Hans ein Baby ins Haus, dessen Eltern bei der Flucht aus Schlesien oder Ostpreußen ums Leben gekommen sind. Das Kind wird zunächst von Annemarie "Hindenburg" getauft, dann aber unter dem Namen Max vom Hausmeisterehepaar, das gerade einen Säugling verloren hat, adoptiert. Großmutter Braun und Annemaries Junghelferinnenbund unterstützen das Kind finanziell. In der "Reichswollwoche" zieht Annemarieals Junge verkleidet mit Bruder Klaus los, um Altkleider für gute Zwecke zu sammeln.In den Zeiten der Lebensmittelknappheit lernt das verwöhnte Nesthäkchen Bescheidenheit und auch Geduld - beim Anstehen bei der öffentlichen Lebensmittelvergabe. Beim weihnachtlichen Geschenkeverteilen im Lazarett sehen die Mädchen auch etwas vom Schrecken und den schlimmen Folgen des Krieges.Schließlich wird auch der große Bruder Hans Soldat. Die Mutter kehrt zur Freude aller überraschend aus England zurück. Im Sommer wird in Deutschland zu ersten Mal auf Sommerzeit umgestellt, um durch die helleren Abendstunden Energie zu sparen. Das Buch endet mit dem von der Erzählerin ausgesprochenen Wunsch nach einem "siegreichen Frieden".
Nesthäkchen und der Weltkrieg ist ein heikles Buch. Nicht ohne Grund wurde der Band ab 1950 nicht mehr aufgelegt. In der Meidinger-Werbung wird zwar ausdrücklich gesagt, das Buch ist "beileibe keine Kriegs- oder gar Hurrageschichte", aber ein Anti-Kriegsbuch ist es deswegen noch lange nicht.Lesenswert ist Marianne Brentzels Analyse in Nesthäkchen kommt ins KZ, die sowohl die schockierenden, als auch die nachdenklich stimmenden Elemente des Buches berücksichtigt.
Dem erwachsenen Leser kann das Buch als interessantes Zeitdokument unbedingt empfohlen werden, vielleicht auch als späte Ergänzung der früheren Nesthäkchen-Lektüre. Kinder werden (wenn ihnen vorgelesen wird, da Kinder wohl kaum die Frakturschrift lesen können) die Geschichten aus Annemaries Mädchenalltag nachvollziehen können, sicher werden die meisten die arme Vera bemitleiden und so auch Annemaries negative Seiten erkennen. Die chauvistischen Abschweifungen werden Kinder wahrscheinlich heute schlicht nicht begreifen oder sogar abstoßend finden - kein Kind wünscht sich heute noch Krieg!!! Klaus Pech regte in "Ein Nesthaken als Klassiker" eine Neuveröffentlichung des Bandes mit Kommentar an. Ein guter Gedanke, der vielleicht einmal Gehör beim aktuellen Verlag findet. Vielleicht ist das Buch dann ein Gesprächsanstoß für Eltern und Kinder über Krieg allgemein und wie sich das Denken der betroffenen Menschen in solchen Zeiten verändert alle kennen nur noch Freund und Feind, die Zwischentöne gehen verloren, in vielen Leuten kommt das Schlechteste zum Vorschein.
Immer noch aktuell ist in jedem Fall Veras Geschichte, das Schicksal eines Kindes, welches ohne wirklichen Grund von der "Peer-Group" ausgegrenzt und seelisch mißhandelt wird. Annemarie wird zeitweise zur bösen Gegenspielerin, die den Ton in der Gruppe angibt und der sich alle mehr oder wenig willig unterordnen, weil sie sonst der Verlust des Wohlwollens der Wortführerin und daraus folgenden ähnliche Schikanen befürchten.Auch in Enid Blytons Internatsgeschichten finden sich immer wieder ähnliche Szenarien, nie zeigen die Schuldigen dabei Reue oder wird ihr Verhalten von der Erzählerin gerügt, wie dies in Nesthäkchen geschieht, wo Else Ury Annemaries Verhalten stets als dumm oder einfach "schlecht" bezeichnet - eine deutliche Sprache! Hier verkehrt Else Ury bewußt die Sympathien: nicht die eigentliche Hauptfigur Annemarie wird in diesen Passagen von den Leser/innen gemocht und bewundert, sondern ihr Opfer Vera, die alle Schikanen tapfer erträgt und sich nie aufgibt.
Heute erleben Kinder und Jugendliche ähnliche Grausamkeiten, wenn sie nur nicht die "richtige" Kleidung tragen oder finanziell nicht mit dem Konsumverhalten der Gruppe mithalten können. Eine nachträgliche Einsicht, Entschuldigung und Besserung der Anstifter zu solchem Mobbing sind dabei keine Selbstverständlichkeit.
Tipp:
Der Band ist häufiger zu finden, als man zunächst ahnt. Bei www.ebay.de wird er regelmäßig neu angeboten, oft finden sich mehrere Exemplare zugleich im Angebot. Wer also die Geduld für eine Ersteigerung hat (dauert bis zu 10 Tage), wird das Buch relativ leicht erwerben können. Einfach ab und zu bei ebay reinschaun.
